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Ein Schlafmittel für die gereizte Blase

Das Wunderorgan Blase wird von den meisten Menschen nur in wenigen Lebensabschnitten wirklich wert geschätzt. Erstmals in der Kindheit, wenn man trocken wird und keine Windeln, sondern den Topf erfragt: der Jubel der Eltern und älterer Geschwister ist einem sicher.

Im Alter gibt es dann für mehr als 3/4 aller Betagten die Rolle rückwärts. Die Blase wird oft wieder zum Quälgeist

Es gibt jedoch eine Situation, die für die Betroffenen (und Therapeuten) zur Tortur wird. Es ist der permanente Schmerz und Reiz der Blase,

Blasenreiz durch Medikamente, Strahlentherapie oder einen Blasenkatheter

Am häufigsten kommt es zu den quälenden Blasenreizungen trotz fehlender Entzündung durch Bakterien oder Viren durch vorausgegangene medizinische Massnahmen. Dazu gehören

  • die Gabe von Chemotherapeutika oder immunstimulierenden Mitteln in die Blase zur Verhinderung eines Wiederauftretens von Blasenkrebs, die die Blasenschleimhaut irritieren. Ähnlich einem eingeklemmten Nerven am Rücken kann dies – wenn auch selten – zu anhaltenden Schmerzen und Dranganfällen der Blase führen.
  • die Reizung durch eine Strahlentherapie. Beim Mann ist die häufigste Ursache einer strahlenbedingten Reizung der Blase, wenn der Prostatakrebs bestrahlt wurde. Da der Blasenhals in unmittelbarer Nähe zur Prostata sitzt, ist eine Reizung oft unvermeidlich. Sie verschwindet fast immer nach einigen Monaten, aber bis dahin sind viele Männer gequält.
Wird ein Prostatakrebs (1) bestrahlt, können die Harnröhre (2) und der Blasenhals (3) gereizt werden, so dass es zum anhaltenden Harndrang kommt (aus: Roth, von Rundstedt „Der Prostata-und Blasen-Guide – Was Mann wissen muss!“ Droemer Knaur Verlag, 2023
  • Bei der Frau können Strahlenreizungen der Blase auftreten, wenn ein gynäkologischer Tumor wie beispielsweise ein Krebs der Gebärmutter bestrahlt wurde.
  • Nach bestimmten operativen Eingriffen muss den Operierten ein Katheter in die Blase gelegt werden, um einen kontrollierten Urinabfluß mit Messung des Volumens zu garantieren. Dieser Blasenkatheter kann aber zu Krämpfen der Blase mit schmerzhaften Attacken führen.

Tipps, die Blase ruhig zu stellen

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Blase ruhig zustellen oder zumindest den Reiz zu dämpfen. Selbstverständlich sollte versucht werden, die Ursache der Blasenreizung zu finden um dann zielgerichtet den Auslöser zu beseitigen.

Geht man aber von den oben geschilderten Ursachen von Reizung durch Strahlen, Medikamenten oder einem Katheter aus, steht die Lösung des Problems im Vordergrund und man muss meist ungewöhnliche Wege gehen, die nur wenigen Fachleuten bekannt sind.

Reizlösende oder schmerzlindernde Tabletten?

Es gibt mehrere Substanzen, die alle unterschiedlich wirken. Bei den sogenannten anticholinergen Substanzen gegen die Reizblase gibt es inzwischen verschiedenste Substanzen. Wegen der Einfachheit der Anwendung sind sie sicher als erste Maßnahme gerechtfertigt, auch wenn sie durchaus in der Kritik stehen. Bei leichteren Formen dürfen auch Entspannungstechniken nicht vergessen werden, die im Sinne einer Wahrnehmungsdämpfung eine wichtige Rolle spielen. Ob sie bei schmerzhaften Strahlen- und Medikamentenschäden der Blase wirken, wurde nie bewiesen und erscheint wegen des zugrunde liegenden Schadens der Blase eher unwahrscheinlich.

Selbstverständlich kann man auch Schmerzmittel versuchen, die sich alle in ihrer Wirkungsstärke unterscheiden. Hier muss gemeinsam mit Ihrem Urologen oder Schmerztherapeut versucht werden, unterschiedlich wirkende Schmerzmittel zu versuchen. Und selbstverständlich muss das Risiko bewertet werden, dass einige Schmerzmittel süchtig machen können.

Botox in die Blase

Die Gabe von Botox oder genauer von Botulinum-Gift in den Blasenmuskel hat die Therapie der Reizblase in den letzten 10 Jahren revolutioniert. Bei den Betroffenen, über die wir hier sprechen, ist es jedoch keine echte Alternative, denn

  • man muss es in Kurznarkose mit einer dünnen Nadel in die Blasenwand spritzen
  • haben Betroffene einen Katheter oder einen Strahlenschaden, ist die Prozedur eher zusätzlich reizend, weil es leicht zu Blutungen der geschädigten Schleimhaut kommen kann. Außerdem handelt es sich eher um Schleimhautreizungen denn um Muskelkrämpfe – nur letztere werden durch „Botox“ vermindert.
Das Nervengift Botulinum -im Volksmund ähnlich dem Begriff „Tempo-Taschentuch“ als Botox abgekürzt- muss in Kurznarkose tief in den Muskel der Blase gespritzt werden. Von dort aus verteilt es sich in das umliegende Gewebe und vermindert die krampfartigen Blasenreaktionen meist extrem effektiv.

Aktuell versuchen pharmazeutische Firmen eine Trägersubstanz zu entwickeln, so dass „Botox “ flüssig in die Blase gegeben werden kann und dann durch die Blasenschleimhaut eindringt. Wie die Erfolgsaussichten sind, ist noch ungewiss, würde aber die Anwendung extrem vereinfachen.

Krampflösende Substanz flüssig in die Blase

Es war der Hamburger Apotheker Klaus Stegemann, der die Idee hatte, das krampflösende Mittel Oxybutynin steril in Lösung zu bringen, so dass es direkt in die Blase gegeben werden konnte. Dadurch konnte es sehr hoch dosiert werden, ohne systematische Nebenwirkungen auszulösen und war für Kinder und Erwachsene mit einer nervenbedingten Krampfstörung der Blase ein großer Gewinn. Er ließ sich das Verfahren patentieren und verkaufte es vor einigen Jahren an eine bekannte deutsche Firma.

Ob die Substanz bei den genannten Beschwerden wie der Reizblase nach Bestrahlung oder Katheterkrämpfen wirkt, ist dem Autor nicht bekannt.

Die Wagenknecht’sche Lösung

Es ist schon fast ein Mysterium, wie sich dieser Begriff für eine „heilende Lösung“ für die Blase in den letzten Jahren bei deutschsprachigen Urologen festgesetzt hat. Dabei war die Karriere des Namengebers Prof. Wagenknecht durchaus unrühmlich und endete vor dem Staatsanwalt.

Es handelt sich um eine Mischung von entzündungshemmendem Kortison, einem starken Antibiotikum (Gentamicin) und einem Betäubungsmittel (Lidocain).

Hat man eine gereizte Blase nach einer Bestrahlung oder einer Chemotherapie oder Immuntherapie der Blase, ohne das eine Entzündung vorliegt, kann man auf die Gabe des Antibiotikums in der Mischung verzichten.

Man kann dann eine Mischung von Kortison und einem Betäubungsmittel täglich in die Blase geben, bis sich die Beschwerden bessern. Wichtig ist, dass man die Betroffenen darauf hinweist, die Medikamente möglichst lange in der Blase zu halten. Deshalb sollten die Betroffenen vor der Medikamentengabe wenig trinken.

Morphium in die Blase könnte auch helfen

Vor mehr als 20 Jahren gab es wissenschaftliche Berichte, dass man bei Kindern durch die Gabe von Morphium direkt in die Blase nach einer Blasenoperation eine deutliche Reduktion von Schmerzen hat. Die Dosis betrug 0,5 Milligramm pro Milliliter, es wurden lediglich 0,04 Milliliter jede Stunde verabreicht.

Nachfolgende Arbeiten aus Frankreich haben diese Ergebnisse nicht bestätigt, aber es könnte sein, dass es eine Frage der niedrigen Dosierung war. Da in vielen Arbeiten gezeigt wurde, dass durch die Schleimhaut der Blase praktisch keine Resorption stattfindet, erscheint eine sehr viel höhere Dosierung in die Blase sinnvoll – zumal ja auch die Gabe eines Morphins in das Blut auch zur praktizierten Schmerztheapie gehört.

Lokales Betäubungsmittel in die Blase

In vergleichenden tierexperimentellen Arbeiten wurde schon vor mehr als 30 Jahren gezeigt, dass die Gabe von Lidocain als Betäubungsmittel in die Blase hoch effektiv ist. Sicher auch deshalb ist Lidocain Bestandteil der Wagenknecht’schen Lösung. Es ist wichtig, dass das Lidocain mit Bikarbonat abgepuffert wird, weil die Aufnahme von Lidocain 2 % um so besser ist, je alkalischer der Urin ist. Das liegt daran, dass mit der Verschiebung des Urins zum basischen Milieu die Substanz in die fettlösliche „basische“ Form überführt wird, die einfacher die Zellbarrieren überwinden kann und zu einer besseren Betäubung der Schleimhaut führt.

Grundlagen der Lokalbetäubung der Blase:

Hat man 2 % Lidocain-Injektionslösung, enthält diese 20 Milligramm (mg) Lidocain in 1 Milliliter (ml) der Lösung. Entsprechend der Vorversuche kann man einem 80 kg schweren Mann bedenkenlos 5 mg Lidocain pro kg Körpergewicht verabreichen. Das wären dann 400 mg Lidocain. Eigene Untersuchungen (noch unveröffentlichte) hat gezeigt, dass auch die halbe Menge meist sehr gut ausreicht, um oberflächliche Tumor mit einer flexiblen Sonde elektrisch zu „verbrennen“ (Fulguration)

Praxis der Blasenbetäubung bei Biopsie oder Tumor“fulguration“

  • 20 Milliliter (ml) einer 2 % Lidocain-Lösung (entspricht bei 20 mg Wirkstoffgehalt in 1 ml) 400 mg Wirkstoff Lidocain
  • 20 Milliliter ml einer sterilen 8.4 % Natrium-Bikarbonatlösung
  • Beides miteinander mischen, in die Blase geben
  • Vorher die Blase entleeren, weil sonst zu großer Verdünnungseffekt
  • Eventuell den Katheter nach der Medikamentengabe mit ein wenig Kochsalz nachspülen (damit der Wirkstoff in der Blase und nicht im Katheterlumen ist)
  • Nach ungefähr 20 Minuten Einwirkzeit dann erneute „flexible“ Spiegelung und Eingriff vornehmen (Probe entnehmen oder kleine Tumor mit flexibler Sonde „verbrennen“)