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Wenn Covid-19 die Blase befällt

Mehrfach wurde ich von Betroffenen per Mail oder in der Sprechstunde gefragt, ob die Blasenbeschwerden etwas mit der Corona-Infektion zu tun haben könnten?

Erste Hinweise auf eine Corona-Blasenentzündung durch Urologen aus München

2020 erschien in einer der weltweit wichtigsten wissenschaftlichen Zeitschriften der Urologie ein Beitrag der Münchener Universitätsklinik (Direktor: Prof. Dr. C. Stief), in dem erstmals auf Blasenprobleme bei Covid-19 Patienten hingewiesen wurde. 12 von 57 Covid-19-Erkrankten beklagten im Rahmen ihrer Corona-Erkrankung eine deutlich erhöhte Frequenz ihrer Blasenentleerung von täglich fast 14 Blasenentleerungen. Da keine andere Entzündungen im Urin, der Prostata und den Nieren feststellbar war, musste angenommen werden, dass es sich um Symptome der Corona-Infektion handelte (Mumm et al., 2020).

Wichtig erscheint zu betonen, dass es sich um einen Virusbefall der Blase und nicht um eine bakterielle Entzündung handelt. Während eine bakterielle Entzündung leicht nachgewiesen werden kann, ist das bei den Viren sehr viel schwieriger. So kennt man eine Virusentzündung der Blase bei der Gürtelrose, die nicht nur sehr schmerzhaft sein kann, sondern auch sehr viel schwieriger zu behandeln ist.

Was passiert bei einem Covid-19-Befall in der Blase?

Es gibt mehrere Mechanismen, wie SARS-CoV-2 zu dem Bild einer überaktiven Blase führen kann. Eine Schädigung der Zellen oder des Nervensystems in der Blase ist sowohl über die Blutversorgung der Blase (1) oder den Urin denkbar (2), denn man hat das Virus im Urin nachweisen können. Denkbar ist auch eine Covid-ausgelöste lokale Entzündung (3), die zu der Reizung des Blasengewebes führt.

Durch die Corona-Infektion könnte es zu einer Störung der Blase kommen. Entweder erfolgt die Infektion direkt das über den Blutweg (1) oder den Urin (2) oder über eine auf dem Blutweg ausgelöste lokale Entzündung (3).
Covid-Blasenreizung: Einzelfall oder ein echtes Problem?

Vor einem Jahr erschien dann eine weitere, höchst interessante und gut gemachte Arbeit aus Kanada. Um zu klären, ob Covid ähnlich den Atembeschwerden oder dem Geruchsverlust auch zu einer Drangsymptomatik im Sinne einer überaktiven Blase führt, hat man in Ontario die Daten von Versicherten ausgewertet.

Es konnten 5617 Betroffene mit Covid und 11.225 ohne Covid analysiert werden. Man ging davon aus, dass die Zahl der Rezepte für Blasenbeschwerden auch die tatsächliche Realität der Symptome abbildete. Man fand, dass 2 bis 5 Monate nach der Corona-Infektion zwischen den Gruppen der Infizierten und Nicht-Infizierten kein Unterschied hinsichtlich der Medikamentenverschreibung für Blasenbeschwerden erkennbar war. Die Autoren der Studie schlussfolgern, dass es somit durch eine Coronainfektion zu keinem statistisch nachweisbaren vermehrten Auftreten einer Drangsymptomatik der Blase zu kommen scheint.

Führt Covid-19 zu mehr bakteriellen Entzündungen der Blase?

Ob man jedoch eine virale oder eine bakterielle Infektion der Blase hat, ist fundamental unterschiedlich. Denn virale Entzündungen sind nicht nur schwer nachweisbar, sonder auch schwer zu behandeln. Dahingegen können bakterielle Entzündungen antibakteriell durch Antibiotika behandelt werden.

Die Frage ist jedoch, ob es durch die Virusinfektion der Blase mit Corona auch zu einer erhöhten Rate von bakteriellen Blasenentzündungen kommen kann. Denn natürlich ist vorstellbar, dass die Virusinfektion eine lokale Schwächung der Immunabwehr zur Folge hat. Es gibt aber derzeit keine seriösen wissenschaftlichen Daten, die solch eine Schlussfolgerung zulassen.

Für den Betroffenen ist das zudem fast zweitrangig. Denn selbst wenn diese Viruserkrankung eine erhöhte Rate an bakteriellen Blasenentzündungen zur Folge hätten, müssen die bakteriellen Infektionen mit allen verfügbaren Mitteln bekämpft werden. Dann kann sowohl durch konservative Maßnahmen, Antibiotika, pflanzliche Mittel, in der Blase wirkende Desinfektionsmittel oder lokale Östrogene erfolgen.