Kann man beim Pinkeln bewußtlos werden?

Das gibt es tatsächlich! Dieses Phänomen des Bewusstlosigkeit während oder nach der Blasenentleerung heißt Miktionssynkope. Oft betrifft es Männer, kann aber auch bei Frauen auftreten. Die Betroffenen werden fast immer während oder kurz nach dem Wasserlassen ohnmächtig. 

Der Begriff Miktion kommt vom lateinischen mingere, das soviel wie „harnen“ bedeutet. In einigen Fällen presst der Betroffene und als Folge des Pressens oder durch schnelles Aufstehen kann es zu einem plötzlichen Abfall des Blutdrucks kommen. Dadurch kommt es zu einer Minderdurchblutung im Gehirn und man wird schwindelig oder bewußtlos. Andeutungen davon kennt die meisten von uns: Wir haben lange gesessen, stehen plötzlich auf und es wird uns schwindelig.

Was passiert denn da?

Man muss wissen, dass wesentliche Teile der Körperregulation durch das autonome, vegetative Nervensystem erfolgen. Müßten wir alle Teilfunktionen unseres Körpers willentlich kontrollieren, würden wir schnell kollabieren. Wie der Computer, der hängenbleibt, weil wir zu schnell verschiedene Befehle geben. Dazu gehören

  • Durst und Regulation des Flüssigkeitshaushaltes
  • die Einstellung des Blutdrucks
  • Frequenz des Herzschlags
  • Verdauung der zugeführten Nahrung
  • Anpassung der Atmung je nach Sauerstoffgehalt

Dies alles und vieles mehr – alles das wird durch das vegetative Nervensystem „automatisch“ durch einen inneren Kreislauf gesteuert. 

Die Schweberin: Untypische Haltung bei der Blasenentleerung

Ich kannte eine Patientin, die mir von Schwindelattacken beim Entleeren der Blase berichtete. Bei näherem Nachfragen wurde klar, dass es immer nur eintrat, wenn sie auswärts war und sich aus hygienischen Gründen nicht entspannt entleeren konnte.

Anstatt sich entspannt auf die Toilette zu setzen, hatte sie auswärts eine Sitzhaltung, die ein Urologe einmal als „Schweberin“ bezeichnet. Es leuchtet ein, dass der Beckenboden dabei nicht entspannt sein kann und man eher ein Pressmanöver zur Blasenentleerung durchführen musste.

Dies führte vermutlich zu einer Reizung eines Teiles des autonomen Nervensystems, dem Nervus vagus. Dieser stellt zur Senkung des Blutdrucks auch die Blutgefäße weit. Nachdem sich die Betroffene angewöhnt hatte, die Toilettenbrille abzudecken und sich hinzusetzen, verschwanden die Schwindelattacken bei der Blasenentleerung.

Botschaft am Ende

Ein englischer Freund, dessen Vater beim britischen Geheimdienst gearbeitet hatte, erzählte mir von einem „Verhör“-Manöver, britische Offiziere zum Reden zu bringen. Man gab ihnen Tee zu trinken und mit zunehmender Füllung der Blase wurden sie unruhiger. Da es unschicklich war, nach einer Toilette zu fragen, stiegen die Chancen, dass sie durch „Reden“ das Verhör beenden konnten.

Das eine komplizierte Verbindung des scheinbar „unabhängigen Blase“ zum Gehirn besteht, wurde auch wissenschaftlich gezeigt. Bei voller Blase mit einem Harndrang nehmen die Gedächtnisleistungen deutlich ab. An 80 Freiwilligen wurden mit zunehmenden Blasenfüllung immer wieder Denk- und Verhaltenstests durchgeführt. Letztlich zeigte sich, dass eine volle Blase mit Harndrang zu einer Reduktion der Denkleistungen führte wie 24 Stunden Schlafentzug.

Man muss dies Zusammenhänge von autonomer Blasenregulation und anderen Körperfunktionen kenn, um sie miteinander in Verbindung zu bringen und entsprechende Massnahmen abzuleiten. Und sie belegen, dass man auch durch Biofeedback versuchen kann, überempfindliche Reaktionen zu unterdrücken.