Verursacht Süßstoff Blasenkrebs?

Nachdem in den 60-ger Jahren schon einige tierexperimentelle Arbeiten erschienen waren, publizierte Melvin Reuber 1978 ein Artikel, der die Welt aufhorchen ließ. Er teilte mit, dass der Zuckerersatzstoff Saccharin nicht nur bei Tieren, sondern sehr wahrscheinlich auch beim Menschen Blasenkrebs auslösen würde. Weil aber Süßstoffe in der Nahrungsmittelindustrie weit verbreitet sind, wurde aus der Mitteilung eine kleine Sensationsmeldung.

Entdeckung des Süßstoffs Saccharin

Zufällig entdeckte der russisch-stämmige Chemiker Constantin Fahlberg den ersten künstlichen Süßstoff im Jahre 1878. Er hatte nach seiner Ausbildung in Moskau anschließend in Berlin über Zuckerverbindungen geforscht. Da in den USA die Zuckerbarone lebten, ging er in die USA und arbeitete an der Johns Hopkins Universität für Professor Remsen. Als er für ihn Kohlenteer-Verbindungen untersuchte, bemerkte er eines Abends während der Laborarbeit etwas merkwürdiges. Er hatte vor lauter Arbeit vergessen zu Essen  – irgendwann machte er es zwischendurch, ohne sich die Hände zu waschen. Aber das Brot hatte einen süßlichen Geschmack und er merkte irgendwann, dass es seine Hände waren, die einen süßlichen Geschmack hatten. Der „Heureka“-Moment war, dass er es nicht ignorierte, sondern an allen Labortischen die Kohleverbindungen abschmeckte, bis er den Tisch fand, von dem die süßliche Substanz stammte. Nach wochenlanger geheimer Arbeit isolierte er schließlich die Substanz, der er später den Namen Saccharin gab. Er ging nach Deutschland zurück und baute in Salbke an der Elbe (bei Magdeburg) eine Fabrik zur Herstellung von Saccharin auf. 1885 wurde der Süßstoff beim Deutschen Patentamt gemeldet.  

Süßstoffe in der Kritik

Neben dem Verdacht der Krebsauslösung in der Blase gibt es andere Bedenken nicht nur gegen Saccharin, sondern auch andere später gefundene künstliche Süßstoffe wie Aspartam und Cyclamat. Mehr Informationen dazu finden Sie in einem gut recherchierten Beitrag von Nina Dudek

  • Süßstoff soll dick machen
  • Süßstoff soll zu Durchfall führen
  • Süßstoff soll Heißhunger verursachen
  • Süßstoff soll Karies auslösen
 
Verursacht Süßstoff Blasenkrebs?

Auslöser dieses auch heute noch vorgebrachten Mythos war eine Untersuchung aus den 60-ger Jahren bei Ratten. Man hatte ihnen Süßstoff verfüttert und es fanden sich dann in deren Blasen vermehrt bösartige Tumor.

Aber die Methode der Untersuchung war fragwürdig, denn die verfütterte Menge an Süßstoff war exorbitant hoch. Die Versuchstiere bekamen täglich etwa 20 Kilogramm Zucker oder 4000 Süßstofftabletten, eine absurde hohe Menge, die kein Mensch essen könnte. Außerdem zeigte sich in späteren Studien, dass Ratten den Süßstoff anders verstoffwechseln als Menschen. Denn es wird an Eiweiße gebunden, die zu Kristallen ausfällen, das Silikate enthält. Die führen dann in der Schleimhaut der Blasen von Ratten zur Gewebewucherung. Dieser Mechanismus tritt beim Menschen nicht auf.

In einer erst kürzlich veröffentlichten Übersichtsarbeit von Toews wurden alle Studien auf „Herz und Nieren“ geprüft. Der Autor kommt zu der Schlussfolgerung, dass sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Süßstoffen und dem Risiko, an Krebs zu erkranken, zeigt.

Botschaft am Ende

Auch wenn sich für die „chemischen Zuckerersatzstoffe“, die Süßstoffe, bislang keine ernsthaften gesundheitlichen Risiken nachweisen ließen, gibt es immer noch warnende Stimmen. Sie verweisen zu Recht auf die Schwierigkeit, vermutete Risiken beim Menschen sicher durch Studien zu widerlegen, gerade wenn mögliche Schäden erst nach langer Anwendung auftreten.

Sicher auch deshalb wurde Stevia, das südamerikanische Süßkraut, als eine Revolution gefeiert. Denn die Blätter dieser Pflanze sind 300-mal süßer als Zucker und fast kalorienfrei. Auch bei Stevia gab es einen krebsauslösenden Verdacht, von dem der Naturstoff jedoch freigesprochen wurde. Denn die Studie war erstens schlecht gemacht und zudem von Firmen gesponsert, die die herkömmlichen Süßstoffe vertreiben. Seit Dezember 2011 ist Stevia europaweit zugelassen. Aber auch bei diesem Stoff mehren sich die kritischen Stimmen, sowohl wegen des bitteren Beigeschmacks, aber auch den umweltschädlichen Anbauweisen in Südamerika und der generellen Frage, ob immer alles süß sein muss.