Urin und Kunst: 1. Bruegel & Duchamp

Eigentlich wird Urin als Exkrement eingeordnet und auch so empfunden. Gibt man sich als Urologe zu erkennen, erntet man auch heute noch meistens mitleidige Blicke. Das „Untenrum“ ist immer noch ein Tabu und läßt die Meisten wegen der mutmaßlich unangenehmen Gerüche die Nase rümpfen. Genau deshalb haben einige Künstler mit dem Urin provokante oder amüsante Kunstwerke geschaffen.

Am berühmtesten ist sicher das Urinal „Fountain“ von Marcel Duchamp, das er 1917 bei einer New Yorker Kunstausstellung als Provokation einreichte. Man hatte seine gemalten Bilder für eine Ausstellung in Paris nach einer Vorauswahl abgelehnt. Nun drohte das gleiche Schicksal für eine Ausstellung in New York. Deshalb der provokante Paukenschlag. Das Kunstwerk ist heute eine Ikone, weil es die Stilrichtung der „Ready-made“ begründete. Aber es gilt als verschollen. Im Jahre 2004 wurde das „Pinkelbecken“ von Künstlern und Galeristen in Großbritannien zum einflussreichsten Kunstwerk der Moderne bezeichnet.

Eines der schönsten Kunstwerke mit Anspielung auf den Urin schuf Pieter Bruegel der Ältere, der im 15. Jahrhundert gelebt hat. Er ist für seine Darstellung des bäuerlichen Lebens berühmt. In dem Bild „Die niederländischen Sprichwörter“ – heute würde man es als „Wimmelbild“ bezeichnen – übersetzt er 100 niederländische Redensarten in Szenen des alltäglichen Lebens.

Eine Redensart lautet „Er pisst gegen den Mond“. Sie drückt die Anstrengung aus, etwas Unmögliches erreichen zu wollen oder es wenigstens zu versuchen. In dem Titelbild sehen Sie eine vom Autor erstellte Nachzeichnung – die Originale kann man heute als Kunstdrucke kaufen.

Lorenzo Lotto, ein berühmter italienischer Maler der Hochrenaissance, hat um 1520 ein Bild mit einem ungewöhnlichen Detail gemalt, den „pinkelnden Engel“ . Dieser kleine Engel, der den Symbolen nach den Liebesgott Amor darstellt, pinkelt in hohem Bogen durch einen Myrtenkranz auf eine junge nackte Frau, die Venus darstellt. Diese Frau könnte die Braut sein und das Bild wird als Prophezeiung der Fruchtbarkeit interpretiert. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Bild um ein Hochzeitsgeschenk.

Obwohl Lorenzo Lotto berühmt war, litt er insbesondere an der Konkurrenz mit dem damaligen Star der Malerei, Tizian. Denn es gab einen Kampf um wohlhabende Auftraggeber. Am Lebensende hatte Lotto große finanzielle Probleme und zog sich verarmt und fast blind in ein Kloster zurück.

Botschaft am Ende

Die bekannte deutsche Journalistin Carmen Thomas hatte Urin einmal als „ganz besonderen Saft“ bezeichnet und in einem Buch verewigt. Es wurde ein Millionenerfolg. Ich halte die Botschaft der therapeutischen Qualitäten von (Eigen)Urin für abstrus und nicht haltbar, trotz aller beschworenen indischen Gurus und behaupteten Heilerfolgen. Saubere wissenschaftliche Studien sind immer noch die Latte, über die auch „Schamanen“ springen sollten. Ich glaube, Carmen Thomas wollte damit einfach ein Thema besetzen und enttabuisieren. Die Grenzüberschreitung ist ihr gelungen.