Reizblase: Rhythmusstörung der Blase?

Dieses plötzlich einschießende Gefühl, die Blase entleeren zu müssen, dieser Drang, dieses blitzartige Auftreten. Ähnlich einem epileptischer Anfall oder Rhythmusstörung des Herzens – nur alles in der Blase. Man schafft es kaum zur Toilette. Was passiert da?

Je älter wir werden, desto häufiger tritt es auf. Junge Frauen haben es relativ selten, in weniger als 5%, aber über 75-Jährige sehr häufig, nämlich in 25%. Was ganz wichtig ist: Ein Audi ist ein Auto – aber nicht jedes Auto ist ein Audi. Will sagen: Das Symptom Reizblase gibt es oft.  Aber eine „echte“ Reizblase liegt laut Definition nur dann vor, wenn Entzündungen, Tumore oder Steinen als Ursache ausgeschlossen sind. 

Aber auch wenn „scheinbar“ keine fassbare Ursache festzustellen ist – die Reizblase ist deshalb noch keine aber Einbildung. Weiss man nicht weiter, schieben es Mediziner und sonstige Pseudospezialisten gerne auf die „Psyche“. Das ist aber eine Verzweiflungstat und oft ein verhängnisvoller Irrtum.  Denn es gibt vielfältige Ursachen. Und Gott sei Dank auch viele Möglichkeiten der Behandlung!

Warum ist die Blase „gereizt“?

 
Welche Blasenstörung führt zur Reizblase?
  • Überaktiver Blasenmuskel – die Ursache ist leider oft unklar, aber die Erkrankung des Blasenmuskels provoziert krampfartige Reaktionen des Blasenmuskels
  • Gestörte Blasenschleimhaut – wenn die innere Blasenschicht gestört ist, können fremde Substanzen durch die Blasenschleimhaut eindringen und die Blase reizen.
  • Störungen im Hirn-Kontrollsystem – dieser äußerst komplexe Regulationsmechanismus kann durch einen Schlaganfall oder häufige Erkranklungen wie ein Morbus Parkinson (sog. Schüttellähmung) oder die Multiple Sklerose gestört werden.
  • Überempfindliche Harnröhre als Drangauslöser – versuchen Sie einmal, eine laufende Blasenentleerung zu stoppen. Fast nicht möglich. Ähnlich ist es, wenn der Urin in den Blasenauslass übertritt, weil der Blasenhals nur schlecht schließt.

Bild: So einen offenen Blasenhals mit einschiessendem und reizauslösenden Urineintritt kann der Urologe in der Ultraschalldiagnostik von der Scheide aus gut beurteilen. Man kann zur Sicherung der Verdachtsdiagnose – aber auch zur Therapie – ein Pessar in die Scheide legen. Damit wird der Blasenhals „von hinten“ verschlossen. Ist der Blasenreiz damit gebessert, kann man das Pessar weiter anwenden oder alternativ operative Verfahren.

Störungen im Gehirn mit Folgen einer Reizblase
  • Morbus Parkinson – bei dieser Erkrankung des zentralen Nervensystems kommt es oft zu einer zentralen Koordinationsstörung – davon ist auch oft das sogenannte Miktionszentrum befallen
  • Schlaganfall – dabei kann auch das zentrale Miktionszentrum betroffen sein, so daß die übergeordnete Regulation gestört ist.
 
Sonstige Ursachen einer Reizblase
  • Übergewicht – dies ist wenig bekannt, aber nachgewiesen. Eine Gewichtsreduktion von 6 % kann in bis zu 70 % zu einer Besserung des Blasendrangs führen.

    

Übergewicht            Magen-Darm-Störungen                 

  • Funktionelle Magen-Darm-Störungen – ein Zusammenwirken von Darm und Blase ist schwer nachzuweisen, aber es gibt viele wissenschaftliche Hinweise.
  • Störungen des autonomen Nervensystems – das Wunderwerk des autonomen Nervensystems muss separat besprochen werden, aber es gibt viele Hinweise darauf, dass es auch zu einer Reizblase führen kann.
  • Stress, Angst und Depressionen sind bekannte Auslöser einer überaktiven Blase. 
  • Mangel an Sexualhormonen – vermutlich findet durch eine Östrogengabe ein sogenanntes „Remodelling“ der gealterten Kollagenfasern statt, das die überaktive Blase bessert. Auch beim älteren Mann mit einem Testosteronmangel und einer Reizblase bessern sich die Beschwerden durch Ersatz des Sexualhormons. 

 

Botschaft am Ende

Die Reizblase kann das Leben zur Hölle machen. Deshalb sollten alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden und dazu gehört auch die Frage nach den Ursachen. Dann ergeben sich mitunter überraschend einfache Therapiemöglichkeiten. Leider werden immer wieder vorschnell blasendämpfende Medikamente verschrieben, die dann häufig doch nicht eingenommen werden.