Botox: Vom Gift zum Best-Seller

Was für eine Geschichte! Eine der giftigsten Substanzen der Welt wird zum Heilsbringer faltengeplagter Schönheitsanbeter – aber auch zum segensreichen Medikament bei vielen Erkrankungen mit Muskelkrämpfen. Dazu gehören nicht nur die Krampfhände des Klavierspielers, sondern auch die überaktive Blase.

Ein Augenarzt startet die Revolution

Dr. Alan Scott, der als Augenarzt in Kalifornien arbeitete,  testete 1978 erstmals das Nervengift Botulinumtoxin am Menschen. Er hatte einen Patienten bereits 3 x an den Augenmuskeln operiert, um ihn von dem Schielen zu befreien – aber dieser hatte immer noch eine Fehlstellung. Dr. Scott hatte als junger Forscher mit Botulinumtoxin gearbeitet und in Tierexperimenten herausgefunden, dass es Muskeln lähmt, aber nicht schädigt. Dabei hatte er mit dem legendären Dr. Edward Schantz gearbeitet, dem es erstmals gelungen war, das Gift kristallin herzustellen. Dr. Scott stellte bei der Ethikbehörde einen Antrag und sagte später über die erste Anwendung“ Ich weiß nicht wer nervöser war: Der Patient oder ich“. Aber es funktionierte, der überstarke Muskel wurde teilweise gelähmt und dadurch die Fehlstellung des Auges beseitigt. Erstmals sah der Mann keine Doppelbilder mehr. 

Einige Zeit später stellte sich bei ihm eine Frau vor, die unter einem krampfartigen Verschluss der Lidmuskulatur litt, dem sogenannten Blepharospasmus (siehe Bild). Die Beschwerden waren so schlimm, dass sie nichts mehr sehen konnte und von ihrem Mann geführt werden musste. Dr. Scott schlug auch hier vor, das Botulinumgift hoch verdünnt in die verantwortlichen Gesichtsmuskel zu spritzen, um den Muskelkrampf zu unterbrechen. Und auch dieses Mal half es. Die Krämpfe waren deutlich gebessert. 1989 wurde Botulinumtoxin unter dem Namen „Oculinum“ zur Anwendung an den Augen von der amerikanischen Gesundheitsbehörde (FDA) zugelassen. 

Im Jahre 1991 machte ihm dann die bis dahin unbekannte kleine kalifornische Firma „Allergan“ das Angebot, die Rechte an der Medikamentenanwendung zu kaufen. Weil er dachte, der Markt sei bei der Indikation von Lidkrämpfen und dem Schielen klein, glaubte er ein gutes Geschäft zu machen und verkauft die Patente für 4,5 Millionen Dollar.

Durch einen Zufall kam die Idee der Faltenkorrktur

Was war passiert? In Vancouver in Kanada praktizierte Frau Dr. Jean Carruthers als Augenärztin.1987 behandelte sie erfolgreich eine Patientin mit Lidkrämpfen, die dann trotz erfolgreich beseitigter Krampfattacken weiter die Spritzen mit Botulinum haben wollte. Als die Ärztin nach dem Grund fragte, entgegnete die Patientin, dann würden ihre Falten in der Stirn verschwinden.

Beim gemeinsamen Abendessen berichtete sie ihrem Ehemann davon, der als plastischer Chirurg täglich diese Patientinnen sah und nur mit mäßigem Erfolg operativ behandeln konnte. Der wiederum erzählte es am nächsten Morgen einer seiner Mitarbeiterinnen, Cathy Swann, die selbst zu starker Faltenbildung neigte. Sie stellte sich als Versuchsperson freiwillig zur Verfügung. Das Ergebnis war so überzeugend, dass die Carruthers anfingen, Patientinnen zu suchen, sich damit behandeln zu lassen. Das war schwierig , aber 2 Jahre später – im Jahre 1991 – konnten sie erste Ergebnisse auf dem Jahres-Kongress der amerikanischen operativen Dermatologen präsentieren. 

Aber die Kollegen waren skeptisch und sagten, dies sei eine „verrückte Idee, die nichts bringen wird“. Dennoch machten die Carruthers weiter und konnten die Ergebnisse wissenschaftlich publizieren. War es ein Zufall, dass im gleichen Jahr die kleine Firma Allergan dem Augenarzt Dr Scott die Rechte an der Nutzung von Botulinumtoxin (‚= Botox) abkaufte?

Wer ist dadurch reich geworden?

Einen kleinen Gewinn machte der Erfinder der Anwendung, der Augenarzt Dr. Alan Scott. Aber sind die Erstbeschreiber der Botoxanwendung zur Faltenkorrektur, die Doktoren Carruthers in Toronto, reich geworden?

Sicher ist, sie haben sich diese Erweiterung der Anwendung von Botox nicht patentieren lassen. Ob das freiwillig war oder aufgrund einer falschen Beratung, darüber gibt es unterschiedliche Versionen. Eine Darstellung ist, dass sie es bewusst nicht getan hätten. Denn sie hätten an der Universität während des Studiums gelernt „Wenn Du eine Idee hast, gebe sie preis.“ Und heute 30 Jahre später könne er, Dr. Alastair Carruthers, sagen „Ich habe der Gesellschaft zurückgegeben, was sie mir bei der Ausbildung gegeben hat.“ 

Eine 2. Geschichte besagt allerdings, sie hätten sehr wohl eine Rechtsanwaltskanzlei in Toronto aufgesucht. Die hätte aber abgewinkt, die Behandlung von Falten sei gegenüber der Korrektur von Lidkrämpfen untergeordnet, so dass kein Patentschutz bestünde. Dr. Alastair Carruthers soll dies mit den Worten kommentiert haben „Hätte ich damals gewusst, was ich heute weiß, hätte ich nicht so schnell aufgegeben, sondern wäre zu Kanzleien in New York oder Chicago gegangen.“ Sicher ist, dass die beiden Doktoren im Falle einer Patentierung der Anwendung oder bei entsprechenden Lizenzabgaben unendlich reich geworden wären und heute sicher zu den reichsten Kanadiern zählen würden.

Zwar dauerte es noch, bis Botulinumtoxin auch von der amerikanischen Gesundheitsbehörde zur kosmetischen Anwendung zugelassen wurde. Aber als der Zulassungsstempel aber im Jahre 2002 erfolgte, explodierten die Umsatzzahlen förmlich. Die Aktienkurse kletterten unaufhörlich – und im Jahre 2014 wurde die Firma Allergan von dem irisch-amerikanischen Pharmariesen Actavis für ungeheuere 66 Milliarden Dollar übernommen. Gegenüber dem Kaufpreis von 4,5 Millionen ist das eine Steigerung fast um das 15-tausen-fache innerhalb von 23 Jahren.

Botschaft am Ende

Man sollte zwischen der Anwendung von Botulinum in der Schönheits- und der sonstigen „somatischen“ Medizin unterscheiden. Ob der Leidensdruck der Betroffenen, zuviel Falten zu haben, gerechtfertigt oder eingebildet oder von anderen eingeredet wird, möchte ich hier nicht kommentieren.

Aber bei echten Funktionsstörungen wie beispielsweise der spastischen Hand des Klavierspielers oder einer überaktiven Blase ist die medizinische Anwendung von Botulinum eine enorme Erweiterung der medizinisch möglichen oder notwendigen Behandlungsformen. Deshalb kann man die Etablierung von Botulinum in der medizinischen Therapie als einen echten Quantensprung bezeichnen.