Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Ein einfacher Zucker soll genauso gut gegen ein Wiederauftreten von Blasenentzündungen schützen wie ein Antibiotikum. So sitzen beispielsweise Kölner Urologen bei einem Glas Bier in einer Kölner Kneipe (was ich als Kölner toll finde!) und verbreiten in dem Werbe-Video-Clip, wie wunderbar Mannose in Kombination mit dem „Zellöffner“ Forskolin funktionieren soll. Aber auch ohne fachärztlichen Beistand kaufen Frauen inzwischen massenhaft wohlklingende Mannose-Produkte, um sich vor einem Wiederauftreten einer Blasenentzündung zu schützen. Und all das, weil im Jahre 2014 in einer urologischen Fachzeitschrift eine kroatische Studie veröffentlicht wurde, deren Ergebnisse als geradezu sensationell erschienen – aber jetzt zumindest als großer „Irrtum“ dastehen (siehe unten). Ich bin gespannt, ob die Kölner Urologen einen neuen Video-Clip mit einer Richtigstellung ihres Irrtums ins Netz stellen.
Und auch zur Akuttherapie der Blasenentzündung wird Mannose ärztlich empfohlen oder rezeptfrei gekauft – obwohl die gesetzlichen und meisten privaten Krankenkassen die Kosten nicht erstatten. Die kroatische Studie hatte zwar nur untersucht, ob man mit Mannose ein Wiederauftreten von Blasenentzündungen verhindern könne, aber gerade die Behandlung von akuten Infekten als Notsituation ist wirtschaftlich interessant, denn ein Rezept für Antibiotika haben nur wenige als Reserve im Hintergrund verfügbar. Und weil es wirtschaftlich so lohnend ist, schreiben auch wissenschaftlich etablierte Urologen, es könnte vielleicht auch bei akuten Blasenentzündungen wirken und begründen das mit der vorläufigen Statistik von ausgewerteten Kleinserien. Dabei ist man allerdings verwundert, dass die Koautoren der Publikation Mitarbeiter der Mannose-vertreibenden Firma sind. Also: Dass Mannose bei akuten Entzündungen helfen soll, ist wissenschaftlich nicht bewiesen.
Wissenschaft beruht auf Vertrauen: Auch wenn Ergebnisse erst einmal unglaublich sind
Die Erstautorin der „Mannose-Studie“, Frau Bojana Kranjcec, war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in der Abteilung für Medizinische Biochemie am Krankenhaus in Zabok in Kroatien tätig. Trotzdem haben sie und ihre beiden Koautoren es anscheinend geschafft, mehrere hundert Frauen mit wiederkehrenden Blasenentzündungen per Zufallsprinzip unterschiedlichen Behandlungsgruppen zuzuordnen und dann über ein halbes Jahr nachzuverfolgen. Und das Ergebnis dieser Studie war wahrlich umwerfend. Denn während die 100 Frauen ohne Schutzmaßnahmen in 60 % wieder eine Blasenentzündung bekamen, war das nur bei 15 von 100 Frauen mit dem Zucker bzw. Mannoseschutz der Fall und damit tendenziell sogar besser als die Dauereinnahme eines Antibiotikums (siehe Abb.1).
Kein Wunder, dass die Ärztezeitung diese Mitteilung mit der Schlagzeile verbreitete „Zucker schützt so gut wie Antibiotikum“ (siehe Titelbild des Beitrags). Diese Studie hat den Hype um Mannose als Therapeutikum ausgelöst.

Kohle kann zu Diamanten werden – doch Zucker bleibt „nur“ Zucker
Es ist keineswegs so, dass aus Kohle automatisch Diamanten werden – dass passiert nur ausnahmsweise, wenn eine extrem hohe Temperatur und ein sehr starker Druck zusammenwirken. Deshalb darf man mit Recht fragen, wieso eine „einfache “ Substanz wie Mannose auf einmal solche eine wundersame Wirkung wie ein Medikament haben soll?
Normaler Zucker, der auch als Saccharose bezeichnet wird, ist quasi ein Doppel-Zucker, der aus Glucose und Fruktose besteht. Er wird nach Aufnahme in seine Bestandteile zerlegt und im Körper verwertet. Dahingegen ist Mannose ein Einfachzucker, also ein Zucker mit 6 Kohlenstoffatomen, der strukturell geringgradig anders aufgebaut ist. Das hat zur Folge, dass Mannose sehr viel langsamer verstoffwechselt wird als Glucose und den Blutzuckerspiegel kaum beeinflusst. Mannose kommt in kleinen Mengen in bestimmten Früchten wie Cranberries, Äpfeln und Pfirsichen und einigen Pflanzen und Pilzen vor und kann sogar vom Körper in geringen Mengen selbst gebildet werden.
Laboruntersuchungen haben bereits in den 1980-ger Jahren gezeigt, dass Mannose die Festheftung der Coli-Bakterien beeinflussen kann. Das wurde auch in vielen Folgetestungen im Labor bestätigt – aber es ist ein Unterschied, ob man im Labor Schlitten fährt oder in der freien Natur.
Zudem ist bekannt, dass ein Großteil der mit der Nahrung aufgenommenen Mannose im Körper verstoffwechselt oder über den Darm ausgeschieden werden und nur 20 -35 % der D-Mannose in unveränderter Form im Urin erscheint. Das ist deshalb wichtig, weil in fast allen Veröffentlichungen davon gesprochen wird, das 85 bis 90 Prozent der eingenommenen Mannose im Urin erscheinen und wirksam werden. Das ist eine immer wieder gerne abgeschriebene oder bewußt falsch wiedergegebene Fehlinformation.

Auch Chat GPT unterliegt der Täuschung
Fragt man Chat GPT als künstliche Intelligenz, wieviel der aufgenommenen Mannose im Urin erscheint und bei der Bakterienelemination wirksam sein kann, antwortet „es“: Etwa 85–90 % der aufgenommenen Mannose wird unverändert über die Nieren in den Urin ausgeschieden„. Chat-GPT begründet seine Antwort auf Nachfrage mit wissenschaftlichen Literaturquellen. Sucht man die Arbeiten dann in wissenschaftlichen Datenbanken, sind sie nicht auffindbar. Darauf angesprochen, ändert Chat GPT „seine Mitteilung“ und antwortet: „Es tut mir leid für die vorherige Ungenauigkeit. Laut einer Veröffentlichung in „pharma-kritik“ werden nach oraler Einnahme von D-Mannose etwa 10 % der Substanz unverändert über den Urin ausgeschieden. Diese Information weicht von meiner vorherigen Angabe ab, und ich entschuldige mich für die Verwirrung.“
Was zeigt das: Dass die Fehlinformation der 85 bis 90-prozentigen Ausscheidung von Mannose im Urin so oft behauptet und abgeschrieben wurde, dass sie als „richtige“ Information durch den Algorithmus der künstlichen Intelligenz übernommen wird. Ein Beispiel, wie wichtig der kritische Umgang mit dem oft hilfreichen Medium der KI ist – der Algorithmus der KI will ja nicht lügen – unterliegt aber anscheinend selbst der permanent wiederholten Falschbehauptung.

Jetzt kommt eine entlarvende Studie aus England
Unter wissenschaftlich tätigen Medizinern ist die Veröffentlichung einer Arbeit im JAMA (Journal of the American Medical Association) einem Ritterschlag vergleichbar. Dies deshalb, weil nur beste und originelle Arbeiten akzeptiert werden und der Check auf den Wahrheitsgehalt der Daten sehr streng ist. Genau in diesem Journal hat die Professorin Gail Hayward aus Oxford in England im Jahre 2024 eine wissenschaftliche Arbeit publiziert, die wahrlich erleuchtend und umwerfend gut und hilfreich ist.
Sie hat mit den Mitarbeitern ihres Instituts insgesamt 7591 Frauen mit wiederkehrenden Blasenentzündungen angeschrieben, von denen 830 ihre Teilnahme zusagten. In die Studie aufgenommen werden konnten 598 Frauen. Durch Zufallsprinzip erhielten die Hälfte der Frauen 2 Gramm Mannose täglich und die andere Hälfte ein ebenfalls süßlich schmeckendes Zuckerpräparat, das aber anders als Mannose aufgebaut ist und somit ein Scheinpräparat, ein sogenanntes Placebo, darstellte.
Da weder die teilnehmenden Frauen noch die Studienleiter wußten, wer welche Substanz erhalten hatten, handelte es sich um eine doppelt-verblindete Studie. Außerdem kamen die Teilnehmerinnen der Studie aus insgesamt 99 primär hausärztlichen Zentren. Diese multizentrischen Studien gelten unizentrischen Studien – wie diejenige in Kroatien – methodisch als deutlich überlegen, weil eine höhere Wahrscheinlichkeit der korrekten Ergebnisabbildung besteht. Die Studiendauer betrug 6 Monate und am Ende wurde verglichen, zu wie vielen neuen Blasenentzündungen es in den beiden Vergleichsgruppen während der 6 Studienmonaten gekommen war.

Was bedeutet diese Studie für die Zukunft der Therapie der Blasenentzündung
Man sollte Mannose nicht vorschnell jegliche therapeutische Wirkung absprechen. Doch blind dem Grundsatz „Wer heilt, hat Recht“ zu folgen, würde bedeuten, in eine Zeit zurückzukehren, in der Medizin nicht auf wissenschaftlicher Evidenz basierte. Und mögliche Besserungen müssen sehr wohl mit bekannten Placebo-Effekt abgewogen werden, der irgendwo zwischen 30 bis 60 Prozent liegen kann. Deshalb sollen im Idealfall, wie in der englischen Studie, das tatsächliche Präparat gegen ein Placebo verglichen werden. Ärzte und speziell fachärztlich geschulte Ärzte wie Urologen müssen Betroffene ehrlich beraten. Dazu gehört auch, den Betroffenen zu sagen, dass Mannose möglicherweise nicht wirkt und auf andere, wissenschaftlich fundierte Verfahren gewechselt werden muß.

Message am Ende:
Der bisherige Hype um Mannose als Wundermittel gegen wiederkehrende Blasenentzündungen basierte auf 1 „fast merkwürdig eindeutigen“, aber nicht placebokontrollierten Studie aus Kroatien. Eine aktuelle, streng kontrollierte und Doppel-blinde und plazebo-kontrollierte britische Studie zeigt: Mannose ist nicht wirksamer als ein Placebo. Wissenschaftliche Evidenz muss die Basis medizinischer Therapie sein – nicht Wunschdenken oder Marketingstrategien.
In Zukunft sollten der Wissenschaft verpflichtete Ärzte und Fachärzte diese Studie erwähnen und den Betroffenen im Sinne einer partizipativen Entscheidungsfindung mitteilen. Natürlich können es Betroffene ausprobieren – aber besser mit einem kritischem Blick statt der bisherigen Verheißung, es funktioniere doch bei so vielen Betroffenen.
